Kroatisches Historisches Museum

 

KROATISCHES HISTORISCHES MUSEUM
Matoševa 9
ZAGREB


      
Jatagan ist eine orientalische Dolchform mit charakteristisch ragenden Ohren am oberen Ende des Griffes und mit gerader oder zweifach geschwungener Klinge. Zum Jatagan gehört eine gelegntlich geschmückte oder einfache Scheide. Der Jatagan wurde im breiten Gürtel, horizontal eingesteckt, getragen, manchmal allein, oder Paarweise, oft in Kombination mit Pistolen. Er wurde zum Bestandteil der Volkstracht der Balkanbewohner von der Mitte des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts.
Soviel wir heute wissen, fingen den Jatagan in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Janitscharen im Istanbul anzuwenden. Es ist anzunehmen dass der Jatagan vor allem als Prunkwaffe und als ein Teil des Janitscharenornates – als Würde- und Rangsymbol – getragen wurde. Diese Waffenmode wurde von den Janitscharen aus Istanbul in andere Teile des Osmanischen Reiches übertragen.
Besonders gut wurde der Jatagan von den islamisierten Bewohnern des Balkans angenommen. Ebensogut wie andere Teile der moselmanischen Bekleidung und Tracht, hat sich die Balkanbevölkerung den Jatagan angepasst, ihn mit ihrer Tradition verschmelzt und in die Bezeichnung ihrer Würde, Ehre und Mannhaftigkeit integriert. Die christliche Bevölkerung nahm diese Sitten an und verbreitete die Jataganmode über die Grenze – in das Venetianische Dalmatien und in die österreichische Militärgrenze. Dort trugen den Jatagan Grenzer verschiedener regulären und irregulären Truppen und Gruppen, als eine Waffe die sie sich selbst ausgesucht und selbst angeschafft haben. Er wurde auch von den Serezanen – einer Art der Grenzmilitz und der Zöllner aus dem Ende des 18. Jahrhunderts – benutzt. Ausgerüstet mit Jataganen kämpften die Serezane 1848 in Wien unter dem Kommando des kroatischen Banus Josip Jelaèiæ.
In den historischen Quellen und in der Volkstradition blieb eine zweiartige Erinnerung an die Jatagane. Einerseits blieben blutige Siege verzeichnet, die in erster Linie Dank der Jatagane erkämpft gewesen sein sollten; ebenso die Beschreibungen der besiegten und mit dem Jatagan verstümmelten Soldaten, wie auch die Erinnerungen auf die mit dem Jatagan abgeschlagenen Köpfe. Andererseits wurden dem Jatagan wundertätige und heilbare Eigenschaften zugeschrieben. Schon die Nähe des Jatagans bei einer in Wehen liegenden Frau, beim kranken Kind oder beim verwundeten Krieger konnte ihre Schmerzen lindern und die Genesung beschleunigen.
In verschiedenen Reiseberichten vom Ende des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts, wurden die Männergestalten der lokalen Bevölkerung Dalmatiens und der kontinentalen Gebiete der Militärgrenze in ihrer Prachtbekleidung und Tracht, mit Waffen als einen Kennzeichen ihres Ranges, beschrieben und gezeichnet. Ihre Waffen, besonders die im Gürtel eingesteckten Jatagane, wurden sehr aufmerksam dargestellt. In diesen Darstellungen ist erkennbar dass sich diese Bekleidungsart, aus der Zeit der osmanischen Herrschft stammend, so tief in die Volkstradition eingeprägt hat, dass sie bis heute, als ein Symbol der Entität, in der Alka-Veranstaltung in Sinj (Ringelstechen) erhalten ist.
Der Griff der Jatagane wurde mit Bein-, Horn-, Holz oder Metallschalen belegt. Die Schalen wurden im oberen als charakteristische Ohren – manchmal wie Schmetterlingflügel – geformt. Wenn die Schalen aus hellem Rindschenkel- oder aus Elfenbein gemacht waren, wurde der Jatagan bjelosapac (Hellgriff) genannt. Wenn sie aus dunklem Büffelhorn oder Holz gemacht waren, nannte man den Jatagan crnosapac (Dunkelgriff) oder mrki jatagan (Braunjatagan). Die Horn- und Beinschalen waren mit Messingnieten befestigt. Manchmal waren die kreisförmige Ohrenspitzen einfach glatt und manchmal wellenförmig geschwungen. Nur seltene Jatagane haben die Ohrenschalen mit Nägelchen- und Messingdraht-Intarsia geschmückt. Die Metallschalen waren aus Silber- oder Messingblech, manchmal auch vergoldet. Die Oberfläche der Silberschalen wurde reichlich und vollständig mit einer, oder mit Kombination von mehreren für die Islamische Kunst charakteristischen Ziertechniken geschmückt: angewendet wurden Filigran, Niello, Gravur, applizierte Blechplättchen, eingefasste Korallen, Halbedelsteine und Glasperlen. Die Messingschalen wurden gegossen oder getrieben, mit ergiebiger Rankenornamentik. Zwischen den Schalen fliesst das mit Filigran oder Blattrankengravur verzierte Griffband – hasherma – das sich über den unteren Griffring in die blattförmige Zwinge übergreift – die parazvana.
Die Jataganklinge – die Länge beträgt 50 – 60 cm – kann gerade oder geschwungen sein, oft mit starkem Rücken und mit einer oder mit zwei beidseitigen Kehlungen. An der Mehrzahl der Klingen befinden sich gravierte oder mit Messing-, Gold-, Silber- oder Zinndraht tauschierte Blattrankenornamente und kaligraphisch geschriebene arabische Inschriften. Grösstenteils enthalten die arabischen Inschriften den Namen des Handwerkers und des Besitzers (Bestellers), die Datierung (nach der muselmanischen Zeitrechnung Hidzra) und gewöhnlich einen Spruch aus der muselmanischen (Islamischen) Tradition, mit dem man die Gottesgnade erbittet und der den Besitzer, wie ein Amulett, von allerlei Unheil schützen sollte. Die luftigen Rankenornamente, Dreiblätter und andere Pflanzenmotive verflechten sich zierlich mit der Inschrift, und lassen die Klinge leicht und sehr elegant wirken.
Die Auswahl des Materials aus welchem der Jatagan gemacht war, wie auch sein harmonisches Aussehen und die Zierart, sind nicht zufällig und man sollte sie nicht als ausschliesslich dekorative Elemente betrachten. Im Geiste der Islamischen Kunst ist jedes angewendete Detail ein Träger einer bestimmten Symbolik und hat eine besondere Bedeutung. Zum Beispiel, die Beinschalen am Griff deuten auf den Kern und Wesen jedes Geschöpfs; helle Metalle und Legirungen (Silber, Zinn) symbolisieren die Reincheit; Korallen am Jatagangriff haben apothropäische Bedeutung – sie schützen den Jataganbesitzer vor Krankheit und Verletzung; jeder Halbedelstein hat seine eigenen magischen Kräfte, doch ist „Mohammed ein Juwel unter den Steinen“ und so versichert die Anwendung der Halb- und Edelsteinen einen besonderen Schutz des Propheten. Magische Symbole, der Siegel des Königs Salomon und die Sonne, deuten auf das Durchweben der himmlischen und der irdischen Welt. Die Florealelemente – Tannenzapfen, Zypressen, Tulpen, Nelken, Palmenäste, Halbmond und Sterne – sind Zeichen der Verehrung Allahs oder Synonyme Seiner Macht. Sie deuten auf die Ewigkeit des Lebens im Jenseits. All dies sollte dem Dolch und seinem Besitzer, eine besondere Kraft geben.
Die Namen der Handwerker und der Besitzer der Jatagane sind aussliesslich muselmanisch. Neben den Namen wurde an manchen Jataganen die Militär- oder Zunfttitel angeführt. Obwohl noch viele Angaben über den Herstellungvorgang und Jataganenabsatz nicht bekannt sind, zweifellos waren die Jatagane von hervorragenden Handwerkern hergestellt. Weitere Untersuchungen in den Sammlungen der ehemaligen Handwerkerzentren am Balkan werden das Problem der Provenienz erläutern.

Dora Boškoviæ, Museumsrätin